Wigo
- Die Liebe stirbt zuletzt!
von
Marleen van Barneveld
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Folge
33
In
dem unterirdischen Land von Verilla entdecken Wigo und Professor
Rosebär ein weiteres unheimliches Gefilde, das noch tiefer
in die Erde führt. Aber dort ist nicht alles aus Gold, wie
sie zuerst sehen und meinen, denn eine nicht ganz angenehme
Überraschung wartet auf sie...
Ein
geheimnisumwobener, uralter Baum als Wegweiser
„Haha,
du hast wohl gedacht, mich alten Knaben für dumm zu verkaufen,
und sich schnell allein aus dem Staub zu machen; hihi, aber
darauf kannst du noch lange warten, dass so was mir passiert!“
Rosa war aus einer Hausnische herausgetreten und kam händereibend
auf Wigo zu, der gerade durch den Torbogen auf die Strasse
einbog.
„Ha,
Gustav Rosebär ist tatsächlich noch am Leben!"
Mehr konnte Wigo nicht über seine Lippen bringen. Zu sehr
war er erschrocken von dem plötzlichen Auftauchen seines
alten Weggefährten.
„Und
wie, mein Lieber! Ich sprühe geradezu voller Leben!“ Gemeinsam
gingen sie die Straße hinunter.
Der
Sternenhimmel wurde langsam heller. Ein neuer künstlicher
Morgen im unterirdischen Verilla begann langsam anzubrechen.
Wigo legte einen Schritt zu. Der Professor neben ihm keuchte
beim Laufen. „Warum hast du es nur so eilig?“ schnaufte
er durch die Lippen.
„Wir
müssen vor der Helligkeit dieser Umgebung vor Ort sein.
Siehst du dahinten den Baum? Das ist unser Ziel, also leg'
einen Zahn zu, die paar Schritte wirst du wohl noch schaffen
ohne umzufallen!“
„Du
hast gut reden. Du bist ja auch 20 Jahre jünger als ich.“
„Wir
sind jetzt da!“ Keuchend und nach Luft japsend hatten
sie ihr Ziel erreicht. Der Professor lehnte sich gleich
an den Baumstamm und beugte sich vornüber. Er war sichtlich
ausgepumpt. Wigo ging um den gewaltigen Baum herum, dessen
dicke Wurzeln teilweise über dem Erdboden wuchsen. Dünnere
Wurzeln hatten sich wie ein Gitter über den Boden ausgebreitet.
Wigo schob die Wurzeln zur Seite. Ein darunter liegender
Hohlraum wurde sichtbar. Er stützte sich auf seine beiden
Arme und ließ sich in den Hohlraum hinuntergleiten. Als
er unten stand, blickte er nach oben und winkte den Professor
zu. „Komm..., auf was wartest du, spring runter!“
Ein
weiteres unterirdisches Areal
Langsam
und umständlich wälzte sich Rosa durch das Loch. Beide standen
jetzt unten und sahen sich um. „Da geht’s weiter“,
meinte Wigo.
„Eigentlich
ist es ziemlich hell hier unten, findest du nicht auch,
Wigo?“
„Im
Moment interessiert mich das herzlich wenig, Rosa.“
„Was
interessiert dich dann?“ fragte er Wigo und lief hinter
ihm her.
„Ob
sich mein Verdacht bestätigt?“ Wigo blieb stehen und
drehte sich zu Rosa um. „Vielleicht wäre es doch besser
gewesen, ich hätte dich nicht mitgenommen. Vielleicht erlebst
du heute Dinge, die du nie wissen wolltest!“
„Mensch
Wigo, mach mal halblang. Ich bin doch kein kleines Kind
mehr, das sich vor dem bösen Mann fürchtet.“
„Wer
weiß? Wer kann das schon von sich selbst behaupten? Dort,
die Stufen, gehen wir da mal runter“, entschied er und
eilte darauf zu.
„Ach
’Gottchen’, was hast du es nur so eilig, das macht mich
richtig fusselig.“ Zielstrebig lief Wigo die Treppenstufen
herunter. Rosa hatte Mühe ihm zu folgen und ging darum etwas
langsamer die Stufen hinunter. Dabei sah er wundervolle
Zeichnungen an den Wänden. Ganze Geschichten wurden dort
in Bildern erzählt. Er blieb stehen und schaute sich alles
sehr genau an. Welch ein Kulturgut. Unglaublich!
Wigo
war dreht sich um: „Mensch Rosa, wo bleibst du?"
„Sieh
dir das mal an Wigo!" Rosa war langsam die letzten
Stufen im Tunnel runtergegangen und stand nun vor einer
Wandmalerei, die sich wie ein Wegweiser durch den Tunnel
zog. Rosa's Hand glitt über die Zeichnungen. Die ganze Wand
war voll davon. Rosa hatte nur noch Augen für die Wandmalereien
und verfolgte sie mit zunehmender Faszination.
„Das
ist Gold", murmelte er.
„Was
sagtest du?"
„Ich
sagte, das musst du sehen, Wigo."
„Immer
deine Extratouren, Rosa."
„Nun
stell dich doch nicht so an. Sei doch nicht so kleinlich.
Guck mal hier. Ganze Reliefs an den Wänden und alles von
purem Gold!"
„Wenn
der mal was gefunden hat, das nach Hieroglyphen aussieht“,
dachte Wigo, „ist der nicht mehr aufzuhalten.“
„Zeig
mal her, was du so Wichtiges gefunden hast." Wigo
stellte sich an die gegenüberliegende Wand und sah sich
die Zeichnungen an. „Und für so was machst du so ein
’Trara’! Damals in Ägypten hatten wir schon bessere Dinge
gesehen. Ha, was ist das schon?!“
„Bessere
Dinge? Und was sagst du hierzu?"
„Wozu?“
„Na
komm' doch her, und sei nicht so stur und arrogant, dann
zeig' ich's dir!"
„Warum
habe ich dich nur mitgenommen? Kannst du mir das mal erzählen,
Rosa?“ Genervt machte Wigo zwei Schritte vorwärts. Er
starrte auf die Wandmalereien. „Und was nun...?“
„Komm
mal etwas näher ran, zu ’Papi’.“ Wigo überhörte das letzte
Wort und kam dichter heran zu Rosa. Rosa grinste. Er glühte
sichtlich vor Ungeduld und Freude über seinen Fund.
„Siehst
du die Steine hier? Alles echte Steine! Und dieser Knopf
hier? Auch pures Gold. Ich werde ihn jetzt herausziehen
oder sonst etwas mit ihm machen, zu irgendwas ist der sicher
nützlich. Und dann werden wir dem Geheimnis hinter dieser
Wand auf die Spur kommen!"
„Ich
habe ein mulmiges Gefühl!“
„Halt!
Lass das!"
„Wieso?"
„Wir
sind keine Schatzsucher. Ich weiß nicht, aber ich habe ein
mulmiges Gefühl für das, was hinter dieser Wand liegen könnte.“
„Ach
was! Du mit deinen mulmigen Gefühlen. Ängstlich warst du
ja schon immer. Wenn ich da an den Mosesberg denke, wo du
diese ’Angsthasenshow’ abgezogen hast.“
„Nachtragend
bist du nicht, oder?"
„Was
ist nun? Kriege ich deinen Segen um das goldene Sesamöffne
zu benutzen oder nicht?"
„Mach
doch was du willst!"
„Nee,
so nicht. Du musst es auch schon wollen. Bist du denn kein
bisschen neugierig, was dahinter sein könnte?"
„Ich
sagte doch schon, dass ich ein seltsames Gefühl habe."
„Also
doch Angst?!"
„Nicht
unbedingt. Es ist eben meine düstere Ahnung, die ich habe,
dass irgendetwas hinter der Wand ist, das auf mich wartet,
das ich kenne, und warum soll ich mich jetzt dieser Gefahr
aussetzen, das gibt doch keinen Sinn, nur weil du deine
Neugierde befriedigen willst muss ich mitmachen? Mann, hör
doch auf mich!"
Unschlüssig
blieb Rosa an der Wand stehen. „Ach was, jede Situation
ist gleich gut, um eine Antworten zu bekommen", sagte
er und hob seine Hand hoch um den goldenen Stift aus der
Wand zu ziehen.
Ein
dumpfes Grollen war die Antwort auf seine Handlung. „Klingt
wie ein Erdbeben", meinte er. Ohne weitere Vorwarnung
öffnete sich plötzlich unmittelbar vor ihnen die Wand.
Wigo
reagierte sofort und stieß Rosa zur Seite, der dadurch gegen
die gegenüberliegende Tunnelwand prallte. Für ihn war es
allerdings zu spät, um noch auf die Seite zu springen. Er
konnte sich gerade noch an die Seite der eingestürzten Mauer
festklammern. Als er nach unten sah, erblickte er ein Netz
aus Spinnenweben. Ein Schauer lief durch seinen Körper.
Der Schweiß brach ihm aus. Ein nie enden wollendes Kribbeln,
das jeder als Gänsehaut kennt, lief ihm über seinem ganzen
Körper. Ihm befiel ein tiefes Unbehagen.
„Mein
Gott, Wigo, was ist in dich gefahren, dass du mich so an
die Wand schleuderst? Ich hätte mir alle Knochen brechen
können. Und du stehst nur da und krallst dich an den Steinen
fest. Merkst du eigentlich noch was? Verdammt noch mal!"
Ächzend
erhob sich Rosa und klopfte sich den Staub von der Kleidung.
Dann ging er auf Wigo zu. „Was ist denn los? Warum bleibst
du hier stehen?"
Zu
spät erkannte Rosa, dass sich vor ihnen ein Abgrund aufgetan
hatte und unter ihnen sich ein großes Spinnennetz ausgebreitet
war. Als der Alte nun abstürzte, riss er Wigo mit sich.
Sie prallten voll auf das Netz.
„Wir
müssen schnell hier raus!“
Ein
Beben ging durchs Netz und sie sahen instinktiv nach oben.
Dort...! Ein dunkler Schatten huschte mit verblüffender
Geschwindigkeit auf sie zu. Rosa kniff die Augen zusammen,
und verfolgte den Weg des Schattens. Aber nirgendwo konnte
er die Spinne entdecken.
Ein
schrilles Sirren, wie der Ruf einer Sirene war alles, was
sie warnte. Und dann sahen sie es. Ein gigantisches Ebenbild
wie aus der Höhle am Untersberg, nur mit dem Unterschied,
dass dieses Insekt rabenschwarz und auf dem Rücken das Bild
vieler Augen hatte. Viele Spinnen, so erinnerte Rosa sich,
spinnen auch lebende Beute ein, um die Beute so länger aufzubewahren.
Und über ihnen hingen schon viele schwarze, sackähnliche
Kokons, ähnlich die aus dem Untersberg. Damals hatte Cisko
eingegriffen und Wigo aus seiner misslichen Lage befreit.
Heute aber waren sie allein, Cisko oder sonst wer weit weg.
Er hasste solche Gedanken.
Rosa
schluckte trocken und verbannte das bereits aufkeimende
Entsetzen so gut er konnte in eine Imagination von duftenden
Blumen und Sonnenschein. Er wartete bis das Netz nicht mehr
schwankte. Dann atmete er tief durch und beugte sich zu
Wigo. Der lag noch so da wie er gefallen war. Er stieß ihn
in die Seite und brüllte ihn an: „Steh' auf, Junge!"
Er
zerrte an ihn herum. . . ergriff ihn vorn am Hemd, mit der
anderen Hand stützte er seinen Oberkörper hoch. Er war für
den Alten einfach zu schwer.
„Verdammter
Mist! Beweg dich, du Trantüte, wenn du am Leben bleiben
willst“, schrie er ihn an. Dann holte er aus: Links und
rechts knallte er dem Jüngeren seine flache Hand ins Gesicht.
„Au!
Bist du verrückt?!“
„Komm
hoch, Mann. Du hast wohl vergessen, wo wir hier sind? Wir
müssen verdammt noch mal raus hier!"
Wigo
drehte sich aus den klebrigen Spinnensträngen heraus. „Ich
komme ja schon, ich komme ja schon... Aber hör’ du endlich
mal auf zu fluchen.“
„Ich
fluche nicht. Ich versuche nur meiner Angst Herr zu werden
und jeder tut das auf seine Art.“
Keine
Minute zu früh war Wigo aufgestanden. Plötzlich begann das
Netz erneut zu schwanken. Aus den Augenwinkeln sah Rosa
einen Schatten auf sich zurasen und er erfasste, dass er
nicht schnell genug sein würde, um dem zu entkommen. Er
spähte nach unten. Fast 20 Meter trennten ihn vom sicheren
Boden.
„Zu
viel“, dachte er noch als er sich fallen ließ und Wigo erneut
mit sich runter zog.
„Lieber
so sterben als von dem Vieh bei lebendigen Leibe ausgesaugt
zu werden“, waren seine letzten Gedanken. Dann schossen
ihre Körper wie zwei schwere Steine nach unten...
Fortsetzung
folgt ...