Die
Zone des Todes
Was 1958 im Ural geschah
Von Hartwig
Hausdorf
Wer
bislang der festen Überzeugung war, daß die verheerende
Atomkatastrophe, die 1986 das ukrainische Tschernobyl heimsuchte,
der erste Super-GAU in der Geschichte der Nutzung der Kernenergie
gewesen sei, dem muß ich diese Illusion rauben. Denn traurigerweise
steckt die ganze Geschichte sowohl der militärischen, jedoch
auch der "friedlichen" Nutzung atomarer Kräfte voller Katastrophen,
die zum Teil einer rigorosen Geheimhaltung unterworfen wurden.
Fakten wurden unter den Teppich gekehrt, um auch weiterhin möglichst
unbehelligt die Urkräfte des Universums heraufbeschwören
zu können.
Bereits
1896 entdeckte der Franzose Antoine Henri Becquerel (1852 bis
1908) die natürliche Radioaktivität. Sein Name wurde
zur Maßeinheit für die Aktivität einer radioaktiven
Substanz. Viele namhafte Physiker forschten auf diesem Gebiet
weiter, bis am 17. Dezember 1938 den deutschen Atomphysikern
Otto Hahn und Fritz Strassmann die erste Kernspaltung von Uran
U 235 gelang. Unter Verwendung einfachster Mittel hatten die
beiden in ihrem Berliner Labor eine Entwicklung angestoßen,
die sich nicht mehr aufhalten ließ. Vier Jahre später
baute der aus Italien stammende Physiker Enrico Fermi (1901
bis 1954) in Chicago den ersten Atommeiler.
Dann
kam Hiroshima. Nach diesem unsagbaren Schrecken wandte sich
Jacob Robert Oppenheimer (1904 bis 1967), den man in den USA
auch den "Vater der Atombombe" nannte, leidenschaftlich gegen
jegliche Anwendung nuklearer Kräfte: "In einem tiefer
gehenden Sinn... haben wir Wissenschaftler nun die Sünde
kennengelernt!"
Ein
GAU kommt selten allein
Leider
müssen wir nicht erst die Arsenale der Nuklearwaffen sowie
deren apokalyptischen Möglichkeiten bemühen, um zu
vergegenwärtigen, welche Büchse der Pandora die Forscher
mit der Spaltung des Atomkerns geöffnet haben. In den Jahren
seit dem Zweiten Weltkrieg ereigneten sich mehr als 60 schwere
Unglücksfälle. Insider nennen dies "GAU" - die Abkürzung
für "größter anzunehmender Unfall". In den vergangenen
sechs Jahrzehnten löste ein GAU buchstäblich den anderen
ab:
7.
Oktober 1957: Ein Brand zerstört das Zentrum eines
Plutonium produzierenden Reaktors der britischen Atomfabrik
Windscale (heute: Sellafield). Radioaktive Spaltprodukte verseuchen
die Umwelt und sind bis Irland nachzuweisen. Die britische Regierung
ist gezwungen, zeitweilige Verzehrverbote für Nahrungsmittel
aus dieser Region zu erlassen. Nach Schätzungen starben
mehr als 1000 Personen an den Langzeitfolgen.
3.
Januar 1961: Im Forschungsreaktor von Idaho Falls (USA)
sterben drei Techniker bei einem Unfall.
Juli
1961: Im ersten atomgetriebenen U-Boot der Sowjetischen
Marine explodiert ein Rohr im Kontrollstand eines der beiden
Reaktoren. Der Kapitän und sieben Besatzungsmitglieder
sterben an Folgen radioaktiver Verstrahlung, weitere Matrosen
erleiden schwere Gesundheitsschäden.
5.
Oktober 1966: In einem Forschungsreaktor nahe der Millionenmetropole
Detroit beginnt der Kern zu schmelzen, als das Kühlsystem
teilweise ausfällt. Wäre es zum GAU gekommen, hätten
die Folgen im US-Bundesstaat Michigan jene von Tschernobyl in
den Schatten gestellt.
1974:
Im "Schnellen Brüter" von Schetschenko am Kaspischen
Meer ereignet sich eine Explosion. Wie durch ein Wunder kommt
es nicht zu einem Super-GAU wie 1986 in Tschernobyl.
7.
Dezember 1975: Auch die frühere DDR blieb nicht von
Unglücken in Atomreaktoren verschont; hier trifft es das
Kernkraftwerk von Lubmin an der Ostsee-Küste. Durch Kurzschluß
entsteht ein Brand, und um ein Haar wäre es zu einer verheerenden
Kernschmelze gekommen.
28.
März 1979: Im Atomkraftwerk "Three Mile Island" bei
Harrisburg in Pennsylvania ereignet sich die bis dahin schwerste
Atomkatastrophe in den Vereinigten Staaten. Es kommt zu einer
teilweisen Kernschmelze, welche die Evakuierung der Bevölkerung
der gesamten Umgebung unumgänglich macht. Überdies
entweicht radioaktives Gas in die Atmosphäre.
"China-Syndrom"
Immer
wieder kam es bereits zu beginnenden Kernschmelzen, die aber
zum Glück gestoppt werden konnten. Der Laie kann sich in
der Regel nicht allzu viel darunter vorstellen - seit dem Thriller
"China-Syndrom" kursieren aber die bizarrsten Vorstellungen.
Dabei
soll es sich um einen Über-GAU handeln, bei dem sich ein
durchgeglühter Reaktorkern durch den ganzen Planeten frißt,
um vor den Augen der entsetzten Chinesen auf der anderen Seite
der Erdkugel wieder hervorzutreten.
Obwohl
jeder Oberschüler weiß, daß nichts vom Erdmittelpunkt
nach oben fallen kann, geistert dieses "China-Syndrom" seither
durch die Medien. Was einzig auf einem Übersetzungsfehler
beruht: denn sollte der glühende Kern auf eine Kaolin-haltige
Schicht treffen, könnte sich ein Porzellan-Mantel ("China"
steht im amerikanischen Sprachgebrauch nämlich für
Porzellan) um ihn herum bilden. Reines Mißverständnis
also.
Die
Realität ist indes spannender, deshalb fahre ich hier fort
mit weiteren, zum Teil geheimgehaltenen Atomunfällen aus
aller Welt:
7.
August 1979: Aus einem geheimen Brennelemente-Werk im US-Staat
Tennessee entweicht hochangereichertes Uran. Etwa 1000 Menschen
erleiden radioaktive Strahlendosen, die dem fünffachen
der Strahlung entsprechen, welcher ein Mensch normalerweise
im Laufe eines ganzen Jahres ausgesetzt ist!
August
1985: Eine Explosion zerstört die Schkortow-22-Werft,
auf der die atomgetriebenen Schiffe der sowjetischen Kriegsflotte
gewartet werden. Zehn Menschen sterben sofort, viele weitere
später an den grausamen Strahlen radioaktiver Kontamination.
6.
Januar 1986: In Oklahoma wird ein Arbeiter getötet,
sowie etwa 100 weitere verletzt, nachdem ein Zylinder mit nuklearem
Material nach unsachgemäßer Erhitzung explodiert.
26.
April 1986: Dieser Tag geht als bislang schwärzester
Tag in die offiziellen Annalen der Nutzung der Kernenergie ein.
Während eines Experiments gerät der Block 4 der ukrainischen
Atomfabrik Tschernobyl in einen instabilen Zustand. Der Versuch
einer Notabschaltung mißlingt und heizt die Kettenreaktion
aufgrund konstruktiver Mängel noch weiter an. Sekunden
später explodiert der Reaktor und wird vollkommen zerstört.
Nach offiziellen Angaben sterben 31 Menschen sofort. Hunderttausende
werden umgesiedelt, und die Zahl jener, die durch Radioaktivität
starben und noch sterben werden, ist noch nicht einmal zu schätzen.
Noch
schlimmer als Tschernobyl
Der
Super-GAU von Tschernobyl ließ sich nicht geheimhalten.
Doch ereigneten sich in den fünfziger und frühen
sechziger Jahren eine Reihe ähnlicher Vorfälle in
der Sowjetunion, über die trotz Glasnost und Perestrojka
nach wie vor wenige Informationen zu uns gedrungen sind. Und
die mit aller Wahrscheinlichkeit noch desaströser waren
als das Unglück von 1986.
Experten
haben berechnet, daß sich die Strahlenbelastung in Folge
der Katastrophe von Tschernobyl durch Fallout auf etwa 1,6 Millionen
Curie belief. Mehr als das 1000fache an radioaktiver Strahlung
aber wurde in weiter östlich gelegenen Regionen freigesetzt:
auf unglaubliche 1,7 Milliarden Curie summieren sich
die Folgen einiger Mega-Katastrophen, die Gebiete östlich
des Ural sowie an der Grenze zur Mongolei heimgesucht haben.
Das
Gebiet östlich des Ural-Gebirges war einst der größte
Stolz der aufstrebenden Sowjetunion nach dem Ende des II. Weltkrieges.
In rasch gewachsenen Städten wie Magnitogorsk, Kamensk-Uralsk,
Swerdlowsk oder Tscheljabinsk hatten sich zahlreiche Kombinate
der Schwerindustrie angesiedelt. Man förderte Bodenschätze
wie Eisenerz, Bauxit, das heute zu Recht in Verruf gekommene
Asbest und vieles mehr. Heutzutage erstrecken sich dort auf
weiter Flur ausgedehnte Zonen des Todes.
Denn
in der Umgebung von Tscheljabinsk war in des Wortes unseligster
Bedeutung die Hölle los! Um die Jahreswende 1957/58
ereignete sich eine verheerende Katastrophe, die jene von Tschernobyl
mit aller Wahrscheinlichkeit weit übertroffen hat.
Im Atomkomplex Majak, unweit der Stadt Kyschtym, rund 70 Kilometer
nordwestlich von Tscheljabinsk gelegen, trat der Mega-GAU ein.
Es kam zur Explosion eines Tanks voll radioaktiver Abfälle,
möglicherweise datonierten in der Folge mehrere
Atombomben, die in derselben Nuklearfabrik für die Rote
Armee hergestellt wurden. Weitergehende Details über den
Ablauf dieses Desasters sind noch immer nicht bekannt. Mindestens
30 Orte wurden regelrecht von der Landkarte radiert, und eine
unbekannte Anzahl an Menschen, die noch nicht einmal geschätzt
werden kann, starb sofort an den Folgen der Explosionen und
der Verstrahlung. Selbst heute, bald 50 Jahre nach den Ereignissen,
dürfen große Teile dieser sinistren Zone nicht betreten
werden. Ein ehemals blühender Landstrich hat sich in eine
noch für Jahrtausende radioaktiv strahlende Wüste
verwandelt!
Ein
Kernwaffendepot fliegt
in die Luft
Überhaupt
ist die einstige Sowjetmacht alles andere als umsichtig mit
den Weiten ihres Landes umgegangen. Ungezählte Atomtests,
ob unterirdisch oder an der Oberfläche, in der Arktis und
im Altaigebirge nahe der Mongolei haben ihren Anteil zur radioaktiven
Verseuchung beigetragen. Kontaminiertes Kühlwasser aus
den veralteten Kernkraftwerken belasten die Flüsse, und
in Form verrottender Atom-U-Boote im Eismeer tickt eine nukleare
Zeitbombe, die jeden Augenblick die Apokalypse heraufbeschwören
kann.
Doch
blicken wir noch einmal in die Zeiten ehemaliger sowjetischer
Macht und ihrer unter den Teppich des Vertuschens gekehrten,
realen Atomkatastrophen.
Im
Februar 1960 erfuhren westliche Geheimdienste vom plötzlichen
Ableben zweier hoher sowjetischer Generäle. Später,
als weitere Details durchgesickert waren, kristallisierte sich
heraus, daß in einer Wüste nahe dem Altai-Gebirge,
unweit der Grenze zur mongolischen Volksrepublik, etliche Atombomben
explodiert waren. Und das ohne ersichtlichen Grund trotz
strenger Sicherheitsvorkehrungen. Es musste ungezählte
Tote und Verwundete gegeben haben. Die Gamma-Strahlen-Intensität
auf der Erde überstieg die Toleranzwerte um das Vierfache,
was jedoch auch von den Regierungen der westlichen Länder
geflissentlich verschwiegen wurde.
Große
Bevölkerungsteile wurden damals aus der Region des im Osten
Kasachstans gelegenen Balchasch-Sees zum Kaspischen Meer evakuiert
- eine Distanz von 800 Kilometern zu den in Mitleidenschaft
gezogenen Gebieten. Die Seismographen in den USA registrierten
zwei gewaltige Explosionen, die der Sprengwirkung von 200 bis
250 Atomwaffen vom Typ der Hiroshima-Bombe entsprachen. Zwei
Kernwaffen-Lagerplätze waren nacheinander in die Luft gegangen,
wobei die zweite Detonation die heftigere war.
Wenige
Tage nach dieser Katastrophe erreichten die gemessenen Werte
der radioaktiven Strahlung ihren höchsten Stand, und machten
beispielsweise in den Filmfabriken die empfindlichen Emulsionen
der Filme unbrauchbar.
Ein
Jahr später wurde eine plötzliche Zunahme der Mißgeburten
registriert.
Jenes
"strahlende" Atomzeitalter, auf das Wissenschaftler, Politiker
und Militärs so stolz sind, hat unseren Nachkommen für
ungezählte Generationen ein Vermächtnis hinterlassen,
unter dem diese noch unendlichen Leidensdruck spüren werden.
Aus "UFO-Nachrichten"
Nr. 372, Jul./Aug. 2004